10 Jahre Europahaus Srebrenica
...oder wie die Landeshauptstadt Stuttgart, das Europa Zentrum und sogar Bruno Mars zur Aussöhnung in Bosnien-Herzegowina beitragen
Das Europa Zentrum vermittelt immer wieder die Wirkweise der Europäischen Union, erklärt Institutionen, stellt den Gesetzgebungsprozess oder die Wirkung der EU im Alltag vor. Dabei liegt die Magie der europäischen Zusammenarbeit jenseits von Gesetzestexten und dem Machtdreieck. Sie liegt in den Menschen, die die europäische Idee mit Leben füllen. Mit Herzblut und unbändigem Willen, in aller Regel fernab des Scheinwerferlichts. Und - nicht zuletzt - häufig fernab fixer Strukturen wie der EU-Mitgliedschaft.
Vergangene Woche konnte das EZBW genau das erleben. Als Teil einer Delegation der Landeshauptstadt Stuttgart unter Leitung von Bürgermeisterin Alexandra Sußmann reisten Martin Kilgus (als Ehrenvorsitzender für den Vorstand), Catherine Kern (als Beirätin und in der Region Aktive) und Axel Müller (für das Mitarbeitendenteam) als Repräsentanten des Hauses vom 29. bis 31.10. nach Bosnien und Herzegowina, um dort die Arbeit des Europahauses Srebrenica zu würdigen. Anlass war der zehnte Geburtstag der zivilgesellschaftlichen Organisation.
Insbesondere in Person des Ehrenvorsitzenden und ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Kilgus ist das EZBW bereits seit vielen Jahren und somit bereits vor seiner Gründung am Europahaus Srebrenica beteiligt. In enger Begleitung und durch vielfältige, ideelle Unterstützung kreuzten sich so in den vergangenen Jahren immer wieder die Wege der beiden befreundeten Häuser. Jüngst etwa durch ein Job Shadowing des Leiters des Europahauses Srebrenica, Almir Dudić, bei Lana Mayer vom EUROPE DIRECT Stuttgart.
Im Rahmen des jüngsten Besuchs startete die Reisegruppe zunächst mit einem Besuch in der Deutschen Botschaft in Sarajevo. Botschafter Alfred Grannas und die Leiterin der Abteilungen Presse, Kultur und Protokoll der Botschaft, Renata Rat, nahmen sich ausgiebig Zeit, um in die aktuellen innen- und außenpolitischen Herausforderungen Bosnien und Herzegowinas einzuführen sowie Fragen der Delegation rund um den Einfluss des Wahlsiegs der Studentenliste in Serbien, die Rolle der EU in der Republika Srpska und dem jüngsten Besuch von Bundesaußenminister Johann Wadephul auf dem Westbalkan zu beantworten. Im Anschluss an den Austausch stand eine nächtliche, mehrstündige Autofahrt nach Srebrenica.
Dort begann der folgende Tag mit einem eindrücklichen Besuch des Memorials in Gedenken an den Genozid während des Balkankriegs der 1990er Jahre. Im Juli 1995 wurden systematisch tausende bosniakische Männer und Jungen getötet, während Mädchen und Frauen vertrieben wurden. Diesen Gräueltaten widmete sich neben einem Informationsfilm auch eine Führung, die von einer Zeitzeugin, die selbst Familienangehörige durch die Geschehnisse verlor, in einer Führung durch die Räumlichkeiten auf beklemmende Weise veranschaulicht wurden. Dass die Leiterin der Führung darum bat, in der anschließenden Berichterstattung anonym zu bleiben, verdeutlicht, wie tief das Misstrauen zwischen den muslimisch-bosniakischen und orthodox-serbischen Bewohnern bis heute ist. Ein Rundgang auf dem Friedhof in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte rundete den Vormittag ab und hinterließ bei allen Anwesenden ein mulmiges Gefühl.
Beim landestypischen Mittagessen - Ćevapi - sinnierte die Delegation darüber, wie sehr es einem positiven Aufbruch und eines neu entfachten Zusammengehörigkeitsgefühls bedarf, um den Ort Srebrenica, die Republika Srpska und schließlich das gesamte Lande Bosnien-Herzegowina nachhaltig voranzubringen. Der dann folgende Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Europahauses Srebrenica kam dann wie gerufen. Zwar war der Gruppe zunächst ob des gerade Gesehenen nicht zum Feiern zumute, jedoch startete die Veranstaltung mit einer kraftvollen Einlage des örtlichen Kinderchors. Der Chor besteht aus Kindern aller Volksgruppen. Bei den Proben und regelmäßigen Auftritten im "Haus der Guten Töne" - gleichzeitig Musikschule und Heimat des Europahauses - kommen somit auch niedrigschwellig die Eltern und Großeltern zusammen, die sich sonst wohl aus dem Weg gehen würden. Wie beseelt die jungen Musizierenden von ihrer Aufgabe waren, verdeutlichte freudiges Lachen, lautes Singen und sogar mehr Lieder als geplant. Am meisten Spaß hatten die Kinder und Jugendlichen bei Charthits von Bruno Mars und Lady Gaga, die manchen Anwesenden mitsingen ließen.
Begrüßt wurden die Gäste dann vom Bürgermeister Srebrenicas, Miloš Vučić, der als Serbe dem Bosniaken Almir Dudić, Hausleiter und gleichzeitig Vorsitzender des Gemeinderates, seinen Dank für das große Engagement für die Stadtgesellschaft aussprach. Im Anschluss berichteten die Gründerväter des Europahauses, Namir Porić und Wolfgang Forthofer, von der Vorgeschichte und den ersten Schritten der Institution, bevor Aktive in den jüngsten Aktivitäten zu Wort kamen: Bäuerin Zemina Salihović war jüngst in Stuttgart, um neue Techniken der Beerentrocknung zu erlernen; Feuerwehrmann Adem Mehmedović hatte bereits kurz zuvor die Feuerwehr in Öhringen im Hohenlohekreis und die Stuttgarter Flughafenfeuerwehr besucht; Catherine Kern ermöglichte beide Besuche durch logistische Unterstützung. In einer abschließenden Runde befragten Martin Kilgus und Almir Dudić, die bilingual bosnisch-deutsch moderierten, Alexandra Sußmann, Axel Müller und Katharina Lenz (Abteilung Außenbeziehungen der Landeshauptstadt Stuttgart) zur Bedeutung von City Diplomacy, nachhaltigem zivilgesellschaftlichem Engagement und Ideen für die Zukunft der Zusammenarbeit. Ein informeller Austausch mit vielen weiteren Gästen, die großteils selbst bereits von der Kooperation zwischen Stuttgart und Srebrenica profitieren konnten, schloss einen nicht nur versöhnlichen, sondern freundschaftlich-optimistischen Nachmittag ab.
Nachdem die Delegation noch am späten Abend nach Sarajevo zurückkehrte, folgte dort am Samstag schließlich noch eine Stadtführung, die sowohl für Erstbesucher als auch Kenner der Stadt manche neue Anekdote bereithielt. Übermüdet, aber mit vollen Herzen und nicht enden wollenden Gesprächsthemen im Gepäck trat der Tross im Anschluss daran seine Heimreise nach Baden-Württemberg an.
Es wird nicht das letzte Kapitel sein, das zwischen Stuttgart und Srebrenica geschrieben wurde!
Bilder: Europa Zentrum Baden Württemberg

